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Kritik: Voll ins Leben

sub kritik
 
Autor: Christopher Diekhaus
 
Mit billigem Klamauk und einem seltsamen Verständnis von Romantik will uns Dany Boons neuer Film unterhalten. „Voll ins Leben“ ist komödiantische Stangenware, der man auch mit viel Wohlwollen nur wenige nette Ideen bescheinigen kann.
 
Der Kindheitsliebe hinterher
 
Überzeichnung ist ein wichtiges Mittel des humoristischen Kinos, sollte aber nicht zu sehr ausgereizt werden. Denn ganz schnell kann die Darstellung ins Lächerliche und Platte kippen. Filmemacher und Schauspieler Dany Boon, der seit seinem Megaerfolg mit dem charmanten Provinzspaß „Willkommen bei den Sch’tis“ zu den bekanntesten Leinwandgesichtern Frankreichs zählt, erbringt in seiner neuen Regiearbeit „Voll ins Leben“ dafür den besten Beweis.
 
Hauptfigur ist der von ihm selbst verkörperte Tridan Lagache, dem es bis zu seinem 50. Lebensjahr nicht gelungen ist, das mexikanische Resort des (real existierenden) Touristikunternehmens Club Med hinter sich zu lassen, in dem er zur Welt kam. Während seine Eltern dort ihrer Arbeit nachgingen, musste der kleine Tridan (Gaël Raës) Woche für Woche neugewonnene Freunde auf Nimmerwiedersehen verabschieden.
 
 
Erschöpft und das mittlere Alter bereits leicht überschritten, treibt es das Clubfossil dann aber doch in die große, weite Welt hinaus. Da das von Boon verfasste Drehbuch einen Grund für Tridans Aufbruch braucht, wird einfache die Kindheitsliebe Violette aus der Erinnerungskiste gekramt, die es nun in Paris zu suchen gilt. Vielleicht hat der hoffnungslose Romantiker ja Glück, und auch sie konnte ihn nie aus dem Kopf kriegen.
 
Um diese schon nicht sonderlich aufregende, eher beliebige Prämisse etwas aufzupeppen, kommt in der Seine-Metropole ein bislang unbekannter Halbbruder namens Louis (Kad Merad) ins Spiel, der das von ihm bewohnte Apartment des bereits verstorbenen gemeinsamen Vaters verteidigen will und dafür eine gewagte Intrige ausheckt. Gelegenheitsaffäre Roxane (Charlotte Gainsbourg) soll sich als gesuchte Violette ausgeben und Tridan nett, aber bestimmt auflaufen lassen, damit dieser – so die Theorie – schnell wieder von dannen zieht.
 
Karikatur auf zwei Beinen
 
Problematisch an der Grundkonstellation ist schon, dass man den aus Mexiko angereisten Protagonisten nicht für voll nehmen kann. Ihn aufgrund seines jahrzehntelangen Club-Lebens etwas unbeholfen zu zeigen, ist das Eine. Mit seiner Minipli-Frisur und seinem eigenwilligen Kleidungsstil, der irgendwann natürlich generalüberholt wird, markiert Boon Tridan allerdings überdeutlich als Clown, als Karikatur auf zwei Beinen. Dinge, die für andere selbstverständlich sind, bereiten diesem Naivling Schwierigkeiten. Ständig kommt es zu Missverständnissen. Und immer wieder reitet der Film auf seiner Gewohnheit herum.
 
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Geprägt von einer All-inclusive-Mentalität, vergisst er regelmäßig, im Restaurant seine Rechnung zu begleichen. Was bei den ersten zwei Situationen noch amüsant sein mag, nutzt sich sehr schnell ab. Verglichen mit anderen Scherzen, gehört dieser Running Gag aber noch zum Witzigsten, was „Voll ins Leben“ zu bieten hat. Schmerzhaft unlustig dagegen ist unter anderem das aus der Kindheit stammende Bustrauma Tridans, das ihn in Paris einholt.
 
Gelungene Szenen wie seine spontane Ansprache in einer vollbesetzten U-Bahn, die für ein wohltuendes Innehalten im Alltagstrott sorgt, deuten an, dass mit der warmherzigen, harmoniebedürftigen Hauptfigur mehr möglich gewesen wäre. Am Reißbrett entworfen ist auch Louis, der sich als komplettes Gegenteil zu seinem Halbbruder präsentiert: ein muffeliger, griesgrämiger Egomane, der ganz selbstverständlich mit misogynen Beschimpfungen um sich wirft.
 
Letzteres vielleicht befeuert durch den Scheidungszoff mit seiner Ex, die ihren gemeinsamen Sohn Yohan (Marin Judas) hinter sich weiß. Der Nebenstrang rund um diesen jungen Testosteronbolzen mit handfesten Aggressionsproblemen ist symptomatisch für die Erzählweise des gesamten Films. Boon packt den Holzhammer aus, konstruiert einen Konflikt, der dann völlig beliebig aufgelöst wird. Inmitten der formelhaften, durch Louis‘ Komplott verursachten Verwicklungsdramaturgie kommt Roxane die Rolle eines Spielballs zu.
 
Was Charlotte Gainsbourg an dieser merkwürdig widersprüchlichen, mal himmelschreiend einfältigen, dann wieder erstaunlich reflektierten Frauenfigur gereizt hat, fragt man sich ein ums andere Mal. Ihr darstellerisches Können wird diesem Part jedenfalls kein bisschen gerecht. Auch sie schafft es nicht, das, was uns der Film am Ende als tiefe Liebe verkaufen will, glaubwürdig und wahrhaftig wirken zu lassen.
 
Fazit
 
Klamotte mit romantischem Anstrich, die ihre überkonstruierte Geschichte weitgehend uninspiriert abspult und nur wenige Humortreffer landet. So bitte nicht, Herr Boon!
 
 
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