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Kritik: The Holdovers

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Autor: Christopher Diekhaus
 
Leise, hellsichtig und mitreißend gespielt: Alexander Paynes neues Werk bietet erwachsene, unaufgeregte, Hollywood-Regeln aufbrechende Kinounterhaltung, wie man sie gerne häufiger zu sehen bekommen würde.
 
Weihnachten in der Schule
 
Wie schmerzhaft muss es sein, wenn um einen herum fast alle in die Weihnachtsferien aufbrechen, während man selbst an dem Ort festhängt, der einem in jungen Jahren ganz schön auf die Nerven gehen kann? Wer bitteschön möchte, statt mit der Familie zu feiern, in der Schule sitzen und unter der Aufsicht eines pedantischen Lehrers die Zeit totschlagen?
 
Wohl niemand! Angus Tully (Dominic Sessa) kann es sich jedoch nicht aussuchen. Seine Mutter (Gillian Vigman) und ihr neuer Mann (Tate Donovan) ziehen es vor, ihre Flitterwochen nachzuholen, weshalb der schlaue, aber aneckende Teenager den Campus der Barton Academy, eines elitären Jungeninternats im Nordosten der USA, nicht verlassen darf. Einer Handvoll Schülern ergeht es wie ihm. Sie alle können nicht nach Hause, hocken mit ihrem zynischen Aufpasser Paul Hunham (Paul Giamatti) zusammen, der selbst bei seinen Kollegen höchst unbeliebt ist. Prinzipien sind ihm heilig. Ständig zitiert er Philosophen des Altertums. Und keine Gelegenheit lässt er aus, um die angebliche Dummheit der Heranwachsenden zu monieren.
 
 
Als vier der im Internat Gebliebenen doch noch in den Urlaub fahren können, halten drei Personen die Stellung: Hunham, Angus und die Mensaleiterin Mary Lamb (Da’Vine Joy Randolph). Eine Schicksalsgemeinschaft, die einen Weg finden muss, miteinander auszukommen. Die Prämisse von „The Holdovers“ könnte klassischer nicht sein, ist in unterschiedlichsten Settings schon zigfach durchgespielt worden. Und doch gelingt es Alexander Payne („Downsizing“) im Zusammenspiel mit Drehbuchautor David Hemingson, daraus einen nachdenklichen, bewegenden, manchmal auch überraschenden Film zu machen.
 
Nicht zu übersehen ist von den ersten Momenten an, das Bemühen, eine vergangene Kino-Ära wiederaufleben zu lassen. „The Holdovers“ soll wie aus der Zeit gefallen wirken, könnte, wüsste man es nicht besser, geradewegs aus den beginnenden 1970er Jahren stammen, wo, wenig verwunderlich, die Handlung verortet ist. Verwaschen-grobkörnig sind die Aufnahmen, und immer wieder tauchen falsche, künstlich eingefügte Filmkratzer in den Bildern auf.
 
Payne verwendet diverse musikalische Weihnachtsklassiker und hüllt den winterlichen Provinzschauplatz so in eine Feiertagsstimmung. Neben die Besinnlichkeit tritt aber sehr früh ein Zug ins Melancholische. Gerade das Fest der Liebe kann einem plötzlich und mit voller Wucht vor Augen führen, wie einsam und festgefahren das eigene Leben ist. In „The Holdovers“ treffen sich drei Menschen, deren Ängste, Zweifel und Sehnsüchte ganz im Fokus stehen. Nicht der Plot ist das Entscheidende, sondern die Annäherung der Figuren und ihre Erkenntnisse.
 
01 ©2024 Universal Pictures05 ©2024 Universal Pictures07 ©2024 Universal Pictures08 ©2024 Universal Pictures
 
Dramatische Effekthascherei?
 
Fehlanzeige! Ohne Hektik, mit Raum für Beobachtungen am Wegesrand fließt der Film dahin und haut selbst bei größeren Enthüllungen nicht auf die Pauke. Komik entsteht vor allem aus den Charakteren selbst, ihren Schrullen und ihren manchmal unbeholfenen Versuchen, aufeinander zuzugehen. Ganz unverhofft brechen mitunter kleine, kluge Einsichten hervor. Gedanken, die einen selbst ins Grübeln bringen. Ab und an sieht es so aus, als würde die Tragikomödie ins Klischeehafte abbiegen. Doch meistens kriegen Payne und Hemingson rechtzeitig die Kurve. Auch das muss man erst mal hinbekommen!
 
Vorurteile abbauen, seinen Gegenüber ernst nehmen - „The Holdovers“ vermittelt humanistische Botschaften. Botschaften, die in aufgeregten Zeiten wie den unseren vielleicht wichtiger sind als je zuvor. Nicht zuletzt in den USA, wo das gesellschaftliche Klima maximal vergiftet ist, wo ein tiefer Graben durch das Land geht. Gleichzeitig verrät der Film auch einiges über seine Handlungszeit. Der Schrecken des Vietnamkrieges etwas spiegelt sich in Marys Trauer über ihren dort gefallenen Sohn wider. Und die Ungleichstellung von Weißen (vor allem Männern) und Afroamerikanern zeigt sich darin, wer in der Barton Academy welche Dienste verrichtet.
 
Dass die kleine, feine, auf zurückhaltende Art stimmungsvolle Dramedy trotz 133-minütiger Laufzeit bestens unterhält, hat freilich noch einen anderen Grund: Die Hauptdarsteller liefern famose Arbeit ab. Dominic Sessa, der zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen ist, spielt den rebellischen Schüler mit der angemessenen Mischung aus Arroganz und Verletzlichkeit. Da’Vine Joy Randolph, der Ruhepol des Films, findet genau die richtige Balance zwischen Trauer, Orientierungslosigkeit und echter Wärme. Eine Darbietung, die mit einem Golden Globe für die beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde.
 
Gleiches gilt für Paul Giamatti in der Kategorie Hauptdarsteller Komödie/Musical. Völlig verdient, muss man sagen. Denn wie er es schafft, Hunham schrecklich zynisch und doch auch menschlich zu verkörpern, ist große Schauspielkunst. Allein der Moment, in dem der Lehrer erkennt, dass es keine Chance auf eine Romanze mit Schulsekretärin Lydia (Carrie Preston) gibt, geht tief unter die Haut. Ebenfalls positiv: Drehbuchautor und Regisseur lassen Giamattis im Zentrum stehende Figur die größte Entwicklung durchlaufen, machen aus ihr am Ende aber keinen völlig profillosen Gute-Laune-Bären. Genau das würde wahrscheinlich in vielen anderen Hollywood-Filmen passieren.
 
Fazit
 
Starke Schauspielleistungen, einige kluge Wahrheiten, eine schöne Figurendynamik und eine zwischen weihnachtlicher Besinnlichkeit und Melancholie pendelnde Stimmung – „The Holdovers“ hat alles, was ein beglückendes Kinoerlebnis ausmacht.
 
 
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